Dokumentation: I’ll Be Me

Eine, vor allem im Vergleich mit vorheriger Doku (Meet the Mormons), wirklich ans Herz gehende, über den Country-Sänger und Gitarristen Glen Campbell, der alt geworden, an Alzheimer erkrankt, noch einmal ein Album aufnimmt und mitsamt seiner Familie auf Tour geht, hauptsächlich im Tourbus aufgenommen. Schonungslos gefilmt, ehrlich könnte man auch sagen, und trotzdem oder gerade deswegen so ergreifend, kann einen zu Tränen rühren. Man lernt die Krankheit kennen in allen ihren Schrecken, den Menschen Glen Cambell, seine Familie und seinen nicht unterzukriegenden Humor, aber auch seine tiefste Verzweiflung; und die Musik. Viel Neues für mich, viel Gutes, nur daß ‚Gentle on my mind‘ eines der Schönesten Lieder der Welt ist, wußte ich schon vorher. – Mittlerweile ist er leider verstorben.

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Erfundene Biographien V

„Und wenn du denkst du denkst, dann denkst du nur du denkst.“

Also, ich liebe Schlager und ich weiß auch nicht, was daran schlecht sein soll. Ich liebe die alten und ich liebe die neuen. Ja, natürlich ist es eine heile Welt, die da vorgespielt wird. Ich weiß selbst, dass die Welt nicht immer so ist und dass es nur Show ist, aber das ist Game of Thrones auch, nur andersherum. Mein Leben ist doch auch nicht immer gut. Ich bin geschieden z.B. Das ist nicht schön und da lässt sich auch kein lustiges Lied draus machen, das können nur meine Lieblingsschlagerfuzzis, Die Ärzte, aber die machen ja seit 20 Jahren keine Musik mehr, das zeigt mir auch, dass auch ich viel falsch gemacht habe, nicht immer nur die anderen. Aber jetzt habe ich ein besseres Leben und ich fühle mich stärker – das ist ein Lied. Ich meine, soll ich denn den ganzen Tag schlecht gelaunt sein und nur Lieder mitgrölen, in denen ich meinen Gewaltfantasien freien Lauf lasse und Männer verstümmele, nachdem ich sie totgefickt habe? Das ist doch albern. Ja gut, vielleicht kann das auch ganz gut sein und reinigt die Seele. Aber nie von Liebe zu träumen ist auch ungesund.

Buch: 99 Särge

Qiu Xiaolong: 99 Särge. Kriminalroman

Teil einer Serie über einen Inspektor in Shanghai, der sich mit Verbrechern, Korruption und Liebe herumschlägt, dabei dichtet und sich so seine Gedanken über das System macht. Sehr schön ruhig und präzise geschrieben, gute Charaktere. Gibt sehr gut wieder, wie abhängig menschliche Handlungen weniger von Moral als von den Vorgaben des Systems sind, die Moral aber nie verschwindet, höchstens verleugnet wird; in jedem System.

Erfundene Biographien IV

Dieser Charakter hat kein Bewusstsein, kann also keine inneren Monologe führen. Er ist auf einer Mission von einem anderen Planeten, um ein Erdenwesen, frisch geschlüpft, zu entführen, aufzuziehen und zu einem Piloten zu machen, wie es so üblich ist in seiner Branche. Dafür wird er bezahlt. Er ist Blutgeldjäger. Und Erdenbabys sind begehrt. Er wartet an der Toilettentür, klopft und schimpft. Das wirkt in Deutschland am besten. Er schiebt einen Rollstuhlfahrer zur Seite, der es genauso gemacht hat und sie gucken sich böse an. Dann geht er durch die Tür und stielt das Baby. Da er kein Bewußtsein hat, kann er natürlich durch Materie hindurchgehen. Er fliegt mit dem Baby nach Hause, verkauft es zum besten Preis und macht Ferien. Dann wird der Planet zerstört, er zieht in die USA und wird Senator von Maryland.

Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume

Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt.

Der Untertitel passt ausnahmsweise einmal – allein deswegen würde ich das Buch zum Kauf empfehlen. Dazu kommt, dass der Autor nicht nur weiß, wovon er spricht, sondern sein Thema, die Bäume, wirklich zu lieben scheint und verstehen will. Und sie, in kurzen, leicht nachvollziehbaren, schön geschrieben Kapiteln, verständlich machen, lehren will, sie mit mehr Respekt zu behandeln.  Führte dazu, dass ich sie mit ganz anderen Augen wahrnehme. – Seitdem esse ich keine Bäume mehr.

Erfundene Biographien III

Ich bin 4000 Jahre alt und vor 20 Minuten geboren. Hier auf der Behindertentoilette, weil da genug Platz war. Ein Rollstuhlfahrer hat laut geklopft. Dann wurde ich von einem Alien entführt und auf einem anderen Planten, dessen Namen ich nicht aussprechen kann, entführt. Dort wurde ich erzogen und mit einem Spray behandelt, dass mich langsam altern läßt. Ich sehe fast so aus wie sie, nur habe ich kleinere Ohren. Leider wurde der Planet dann zerstört, aber ich konnte fliehen in einer Raumkapsel, die schön über dem Pazifik in die Umwelt flog, dort zerschellte und mich hierher zurückkatapultierte. – Ich hasse Tunnel, schlafe ich immer drin ein!

Meet The Mormons

Zunächst fängt es ironisch an mit Vorurteilen von Nicht-Mormonen über Mormonen, geschnitten mit Gags aus TV-Serien wie den Simpsons, dann stellt sich die hübsche, junge Moderatorin, die mitten in New York herumhüpft, als Mormonin vor und dass sie einige typische Mormonen proträtieren will um zu zeigen, dass an diesen Vorurteilen wenig dran ist.

Und tatsächlich: Mormonen sind ausnahmslos fröhliche, gesunde oder, falls Gott ihnen doch einmal eine Krankheit schenkt, es mit Fassung und Dankbarkeit tragende, umgängliche Menschen, die hart arbeiten, sich um ihre Familien sorgen, sich ohne Bezahlung in ihrer Gemeinde engagieren und die Welt generell zu einem besseren Ort machen. Nicht machen wollen, nein, das sind ja immerhin auch Amerikaner, die machen die Welt zu einem besseren Ort, ganz einfach.

Die Mutter eines Mormonen, selber Baptistin, sagt im ersten Porträt den Satz: unterschiedliche Gemeinden ja, aber wir lieben denselben Gott. Das ist wohl auch das Ziel der ganzen Angelegenheit: wir sind im Grunde wie alle anderen. Ein Mormone hat sogar höchstpersönlich damals den dritten Weltkrieg verhindert, indem er Bonbons in Berlin verteilt hat.

Wie schön, dass Gott mit dir war, habe ich gedacht und du den zweiten Weltkrieg überlebt hast, aber was ist mit den 60 Millionen anderen Menschen, die gestorben sind? Also, wer wissen will, was Mormonen von anderen unterscheidet oder eben nicht, außer dass sie eine sehr gute PR-Abteilung haben müssen, der erfährt hier nichts.